Wann genau diese Besessenheit angefangen hat, kann ich nicht sagen. Aber dass wir beide besessen sind, Alex Monty Canawati und ich, darüber gibt es für mich heute keinen Zweifel mehr. Er von seinen Geistern und ich von seiner Geschichte. 2010 hatte ich mein erstes Interview mit ihm geführt, für ein kleines Online-Magazin, das es heute nicht mehr gibt. Anlass für unser Gespräch war „Return to Babylon“, ein Film über die Mythen und Skandale im Hollywood der Stummfilmzeit, dessen Fertigstellung sich bereits über mehrere Jahre hinzog und der Alex, den Regisseur, langsam, aber sicher in den Wahnsinn zu treiben schien. Schon in meiner ersten Frage ging es darum, wie er es schafft, im Filmgeschäft bei Verstand zu bleiben. Schafft er es überhaupt? Er tut sein bestes, hat er mir damals geantwortet.
Kennengelernt hatten wir uns einige Jahre zuvor auf Myspace. Wer sich im noch jungen Millennium für Musik, Film und Popkultur interessierte, fand dort Gleichgesinnte aus aller Welt. Alex stach heraus. Es war wohl diese spezielle Mischung aus Enthusiasmus und Größenwahn, die mich an ihm faszinierten. Nicht zuletzt seine abenteuerlichen Erzählungen über Schauspieler aus dem Jenseits, verhextes Filmmaterial und andere mysteriöse Umstände, die ihn und seine Arbeit angeblich heimsuchten. Im Laufe der Zeit haben sich die Kanäle und Plattformen geändert, aber wir blieben im Kontakt, auch wenn es immer mal längere Pausen gab. Nein, ich weiß nicht mehr, wann das angefangen hat, wann aus Faszination so etwas wie Besessenheit wurde. Aber ich habe seitdem Material gesammelt – E-Mails, Notizen, Zitate und Interviews. Interessantes ist darunter, aber auch Bizarres und Besorgnis erregendes – Nachrichten wie im Wahn geschrieben, über Jesus und Maria, Alfred Hitchcock und Rudolph Valentino, und immer wieder auch über „Monty“, sein Alter Ego. Daraus muss sich doch etwas machen lassen, dachte ich. Ein Porträt, ein Essay, vielleicht sogar eine Geisteraustreibung. Irgendeine Erklärung dafür, was mit ihm geschehen ist.
Als ich ihm von der Idee zu diesem Text erzähle, hat er das schon vorausgeahnt. Mit seinen unsichtbaren Antennen. In der Welt von Alex Monty Canawati gibt es keine Zufälle, nur Zeichen, Botschaften und bedeutungsvolle Zusammenhänge. Alles scheint vorherbestimmt. Möglicherweise auch unsere seltsame Freundschaft aus der Ferne, die nun schon fast zwanzig Jahren andauert und die mich endlich dazu gebracht hat, ihn zum Helden seiner eigenen Geschichte zu machen. Ob ich ihm damit gerecht werde? Wahrscheinlich nicht. Aber ich denke, dass ich es ihm schuldig bin. Wenigstens das aufzuschreiben, was ich weiß. Vielleicht versteckt sich die Wahrheit ja irgendwo zwischen diesen Notizen. Are you ready for your Closeup, Monty?
Teil 1: Name-dropping
„There’s always a place at the plant for a boy like that.“
(aus „A Place In The Sun“, 1951)
Die Geschichte beginnt in einem Kinosaal. Mit dem Gesicht von Montgomery Clift, schwarzweiß, in Großaufnahme. Die Anfangsszene aus „A Place In The Sun“, dem Film, der ihn Anfang der 50er Jahre an der Seite von Elisabeth Taylor endgültig zum Star machen sollte. Heute findet sich der Name Montgomery Clift kaum noch auf einer jener Listen mit den angeblich besten Schauspielern „aller Zeiten“. Dabei galt er einst als das größte Talent seiner Generation, der erste populäre Method Actor noch vor Marlon Brando und James Dean. Eine geradezu hypnotische Präsenz wurde ihm nachgesagt, die sein Publikum die Grenze zwischen Leinwand und Realität vergessen ließ. Ist es da verwunderlich, dass auch ein junger Filmstudent namens Alex Canawati glaubt, nicht mehr der selbe zu sein, als er zum ersten Mal „A Place In The Sun“ sieht? Das Jahr ist 1989, der Ort das Norris Cinema in Los Angeles. Alex ist gerade 20 Jahre alt geworden und „Monty“ Clift seit mehr als zwanzig Jahren tot. Die Magie aber wirkt immer noch. Vielleicht war diese Vorführung ja nur für ihn gedacht.
Etwas hat sich übertragen. Er kommt nicht mehr von ihm los, besorgt sich Biographien, liest alles, was über den Schauspieler erhältlich ist. Ein besonders leidenschaftlicher Fan, könnte man meinen, die gibt es reichlich, nicht nur an den Filmschulen. Aber Alex ist noch etwas mehr als das. In den folgenden Jahren reist er mehrmals nach New York und besucht Clifts ehemaliges Wohnhaus in Manhattan. Er verbringt dort Stunden, meditiert, versucht Kontakt aufzunehmen und Spuren zu verfolgen. Möglicherweise seine eigenen. Denn er ist fest davon überzeugt, der wiedergeborene Montgomery Clift zu sein. Ja, ich rede hier von Reinkarnation. Er ist so sehr davon überzeugt, dass er daraufhin sogar seinen Namen offiziell ändern lässt. Isam Hanna Canawati steht auf seiner Geburtsurkunde, ein Name, der seine palästinensische Herkunft verrät. Den Spitzname Alex hatte er seit seiner Schulzeit, zusammen mit seiner neuen Leinwand-Identität wird aus ihm nun Alex Monty Canawati. Er sammelt mögliche Beweise, jeden noch so kleinen Hinweis. Hat ihn nicht schon sein ganzes Leben lang die Zahl 512 nervös gemacht, wenn er sie zum Beispiel auf dem Nummernschild eines Autos sah? Es war an einem 12. Mai (5-12), als Monty Clift 1956 nach einer Party einen schweren Autounfall hatte, der ihn sowohl äußerlich als auch innerlich verändern sollte. Der Name Monty taucht für Alex nun überall auf: Montebello, jener Stadtteil von Los Angeles, in dem er aufwuchs oder Montellano Avenue, die Straße, in der er heute wohnt. All die Orte und Straßen, an denen sich die Wege der beiden möglicherweise gekreuzt haben: Montgomery, Montecito, Monterey, El Monte … Er hat sie alle aufgeschrieben.
Man kann darüber den Kopf schütteln. Man kann ihm eine Psychose unterstellen und ihm zum Arzt schicken. Man kann die Sache aber auch einfach akzeptieren, so wie ich es inzwischen getan habe. Über Alex kann man nicht schreiben, ohne sich auch auf das Paranormale einzulassen. Vielleicht ist er ein Zeitreisender oder ein Medium. Vielleicht ist er aber auch einfach nur auf der Suche nach seiner Identität, seinem eigenen Platz in dieser Welt. Mitteilsam ist er und extrovertiert. Eher das Gegenteil des sanften und zurückhaltenden Charakters, für den Montgomery Clift bekannt war. Was verbindet die beiden? Monty Clift war homosexuell, was er zu seiner Zeit noch vor der Öffentlichkeit verbergen musste. Alex hatte damit in seinem konservativen Elternhaus auch gewisse Probleme, obwohl sich die Zeiten in der Hinsicht zumindest äußerlich längst geändert hatten. Er ist alleine geblieben, umgeben von Freunden und wechselnden Bekanntschaften, aber ohne eine wirklich feste Bindung. Ein einsamer Wolf, nur seiner Kreativität verpflichtet. Es mag auch die Tragik einer zu früh geendeten Karriere sein, die ihn mit Clift verbindet. Ein Talent, das langsam verblasst im kollektiven Bewusstsein. Alex weiß, wie sich das anfühlt, von der Filmgeschichte vergessen zu werden. Der Platz an der Sonne ist in Hollywood niemals von Dauer. Aber damit greife ich schon etwas zu weit vor.
Springen wir zunächst also ein paar Jahrzehnte zurück und befassen uns mit der Frage: War Montgomery Clift jemals in New Orleans? Den Biographen zufolge ja. Einmal, in den 40er Jahren, soll er dort in einem Krankenhaus wegen eines mysteriösen mexikanischen Virus behandelt worden sein. Alex meint, es wäre das selbe Krankenhaus, in dem er am 11. August 1969 zur Welt kam. Ob das schon für eine Seelenwanderung ausreicht, kann ich nicht beurteilen. Wer jedoch an solche Dinge glaubt, wird dafür kaum einen geeigneteren Ort finden als die Stadt am südlichen Ende des Mississippi River, die so reich an okkulten Traditionen und Legenden ist wie keine andere in Nordamerika. Hellseher, Schamanen, Voodoo-Priesterinnen, selbsternannte Hexen und Vampirjäger beschwören hier schon seit langem die Welt von Geistern und Göttern. In New Orleans, so heißt es, ist die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten besonders durchlässig.
Seine Eltern werden sich um all das zunächst eher wenig Gedanken gemacht haben. Immerhin kamen sie mit ihrem eigenen, nicht weniger legendären Gepäck in die Stadt. Beide stammen aus Bethlehem im heutigen Palästina. Dort also, wo vor mehr als 2000 Jahren kein Geringerer als der Begründer des Christentums geboren sein soll. Die Canawatis, selbst orthodoxe Christen, haben eine lange und weit verzweigte Familiengeschichte im „Heiligen Land“. Mehr als 400 Jahre lassen sich ihre Wurzeln dort und in den angrenzenden Gebieten zurückverfolgen. Auch der derzeitige Bürgermeister von Bethlehem trägt den Nahmen Canawati. Die gewaltsame Besetzung ihrer Heimat zwang viele von ihnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Emigration. Heute finden sie sich in fast allen Teilen der Welt verstreut, die meisten auf dem amerikanischen Kontinent. Zur Zeit der Geburt seines ersten Sohnes war Dr. Hanna Nekhleh Canawati noch Medizinstudent. Begonnen hatte er seine Ausbildung 1964 in Damaskus, Syrien, seinen akademischen Abschluss machte er 1971 in Chicago. New Orleans sollte für ihn und seine junge Familie nur eine kurze Zwischenstation sein. Alex war fünf Jahre alt, als sie nach Los Angeles zogen, wo sie bis heute zuhause sind und wo Canawati Senior sich als Professor für klinische Pathologie etablierte. Eine respektable Karriere, die er sich so ähnlich sehr wahrscheinlich auch für seinen Sohn gewünscht hätte. Der aber hatte anderes im Sinn.
Wahrscheinlich wäre aus Alex auch an jedem anderen Ort der Welt ein Filmemacher geworden. Es hätte nur etwas länger gedauert. So aber durfte er im Zentrum des Geschehens aufwachsen, in jenem gelobten Land, das eine ganz neue Art von Göttern und Legenden hervorgebracht hatte. Ihre Namen waren verewigt auf dem Hollywood Walk of Fame, ihre kunstvoll ausgeleuchteten Gesichtern wurden zu Heiligenbildern für ein neues Zeitalter, jede Saison neu angepasst an den Geschmack des Publikums Greta Garbo und Rudolph Valentino, Marlene Dietrich und Gary Cooper, Bette Davis und Clark Gable, Bogey und Bacall, Rita Hayworth und Gene Kelly, Marilyn und Jimmy Dean, Liz Taylor und Monty Clift. Das Versprechen, mit etwas Glück und Talent irgendwann auch einmal aufzusteigen in diesen Kreis der Unsterblichen, hatte bereits mehrere Generationen von jungen Menschen hierher gelockt. Seine Liebe zum Kino und der Welt der Leinwandgötter hatte Alex schon als kleiner Junge entdeckt. Auf einer Tour durch die Universal Studios mit seiner Familie durfte er zum ersten Mal hinter die Kulissen schauen und die Sets seiner Lieblingsfilme und TV-Serien bestaunen. Spätestens als er im Alter von 13 Jahren Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ („Rear Window“) sah, träumte er davon, auch einmal Regie zu führen. Die Welt in Bilder fassen, mit Licht und Musik zaubern wie die alten Meister. Und mit etwas Glück vielleicht auch einmal einer von ihnen zu werden, mit allem, was dazu gehört, einer Villa in Beverly Hills und Oscars im Regal. Nach der High School hatte er sich zunächst für ein Ingenieurstudium an der University of Southern California eingeschrieben, wechselte aber bald darauf zum Film. Sein Traum von Hollywood war am Ende wichtiger als seine Eltern mit einer vermeintlich seriösen Berufswahl zufriedenzustellen. Die waren dann auch erst einmal geschockt, unterstützen ihn aber dennoch, als er sich an der School of Cinematic Art bewarb, eine der angesehensten und traditionsreichsten Filmschulen der USA. Und damit wären wir zurück in jenem schicksalshaften Kinosaal des Norris Cinema, in dem er 1989 zu „Monty“ wurde, dem Künstler und Besessenen.
Näher an der Traumfabrik konnte er hier nicht sein. Die Filmschule der USC existiert bereits seit 1929. Einige der einflussreichsten Namen der Stummfilmzeit wie Douglas Fairbanks, Mary Pickford, Charlie Chaplin und Ernst Lubitsch waren an ihrer Gründung beteiligt. Seitdem hat die Schule Regie-Größen wie John Carpenter, James Ivory, George Lucas und Ron Howard hervorgebracht. Der Campus liegt nur einige hundert Meter vom Shrine Auditorium entfernt, wo wischen 1947 und 2001 die Verleihung der Oscars stattfand. Billy Wilder, Barbra Streisand und Burt Lancaster zählten zu den Gastrednern in den Vorlesungen, die Alex in den folgenden Jahren besuchte. In dieser Umgebung hatte er schon bald sein Thema gefunden. Es war Hollywood selbst, das zum Stoff seiner Filme werden sollte. Vor allem dessen „Goldene Ära“ der 20er bis 50er Jahre, in der die bewegten Bilder, die „Movies“ die Welt eroberten. „They had style, they had grace, Rita Hayworth gave good face“ sang Madonna passend dazu auf MTV, als Alex damit begann, die Geschichte Hollywoods zu studieren. Er war also nicht der einzige, der zurückschaute. Aber ließ sich die Magie dieser Zeit wirklich wiederbeleben? Einen Versuch war es wert. Wozu war Monty Clift denn sonst auferstanden?
War es nur ein glücklicher Zufall, dass er während seiner Zeit an der USC mit dem Enkel des Filmkomponisten Alfred Newman zusammenwohnte? Nein, es gibt keine Zufälle, nicht in dieser Geschichte. „All about Alfred“ sollte sein erstes Projekt heißen, ein Dokumentarfilm über das Leben und Wirken des Komponisten. Der Titel war eine Anspielung auf „All about Eve“, einen der mehr als 200 Filme, für den Newman den Soundtrack geschrieben hatte. Über den Enkel kam es schnell auch zum Kontakt zu Newmans Witwe Martha Montgomery (da war er wieder, dieser Name!), die es ihm ermöglichte, Interviews mit anderen berühmten Filmkomponisten und Schauspielern zu führen. Der perfekte Einstieg. Beinahe. Dass „All about Alfred“ letztlich nie fertiggestellt und veröffentlicht werden konnte, lag offenbar an ungeklärten Musikrechten. Gab es noch andere Gründe? Auf jeden Fall verschwand der Film bis heute in den Archiven. Für Alex ein Vorgeschmack auf die Tücken der Branche. Aber er fing ja gerade erst an, war voller Tatendrang, sammelte wertvolle Kontakte. Manche davon erschienen fast zu gut, um wahr zu sein.
Auch bei seinem nächsten Projekt sollte es um einen Alfred gehen. Diesmal war Hitchcock an der Reihe, der „Master of Suspense“, den er seit seiner Kindheit bewundert hatte. Alex hatte während seines Studiums bereits zwei Kurzfilme gedreht, die eindeutig von ihm beeinflusst waren. Mittlerweile hatte er seinen Abschluss in Filmproduktion gemacht und konnte es kaum abwarten, sich an seinen ersten Spielfilm zu wagen „Inevitable Grace“ sollte er heißen, ein psychologischer Thriller nach seinem eigenen Drehbuch, durchsetzt mit Motiven aus Filmen wie „Rear Window“ und „Vertigo“. Und mit einem echten Hitchcock-Star in einer Nebenrolle: Tippi Hedren, die Hauptdarstellerin aus „Die Vögel“ und „Marnie“. Wie er das denn zustande gebracht hätte, habe ich Alex gefragt. „Ich habe sie einfach angerufen“, meinte er. So lief das also in Hollywood. Dem talentierten und charismatischen Neuling schienen alle Türen offen zu stehen.
Es gibt ein Foto von der Filmpremiere im Februar 1994, das Alex an der Seite von Tippi Hedren zeigt, lächelnd mit weit geöffneten Augen, so als könnte er sein Glück kaum fassen. Mrs. Hedren dagegen schaut ihn etwas spöttisch von der Seite an. „Wenn du wüsstest, was dir noch alles bevorsteht“, scheint ihr Blick zu sagen. Ich interpretiere hier möglicherweise etwas zu viel hinein. Rückblickend lassen sich Bilder natürlich immer ganz anders deuten. Die wenigen Kritiken, die nach der Premiere von „Inevitable Grace“ erschienen, waren vernichtend. „Amateurhaft“ war noch der freundlichste Begriff, der verwendet wurde. Auch ich durfte den Film sehen, wesentlich später und online. Die Optik stimmte, so viel steht fest. Alex hatte sein Vorbild gut studiert, manche Einstellungen schienen direkt von Hitchcock übernommen zu sein. An Referenzen mangelt es dem Film ganz sicher nicht. Einige Szenen wurden im historischen Rialto Kino in Pasadena gedreht. An den Wänden hängen die Plakate bekannter Filmklassiker. Überall wird Hollywoods Vergangenheit zitiert. Auch in der Besetzung: Neben Hedren tritt Maxwell Caulfield als sexy Variante von James Stewart auf, außerdem Jennifer Nicholson (Tochter von Jack) und Jaid Barrymore (Mutter von Drew), Andrea King (einst Kollegin und Rivalin von Bette Davis), Taylor Negron und Samantha Eggar, um nur einige Namen zu nennen. Vielversprechende Zutaten. Aber das Ergebnis? Ich will ehrlich sein: den Plot dieses Films auch nur annähernd ernst zu nehmen, fällt mir schwer. Was ist das, frage ich mich. Eine Persiflage? Eine Seifenoper? Oder gar ein surreales Meisterwerk, das sich mir nur noch nicht erschlossen hat? Es gibt ein Idee, eine Art roten Faden, immerhin: Eine naive Psychiaterin verfällt dem geheimnisvollen Ehemann einer ihrer Patientinnen und verliert darüber offenbar den Verstand. Sie gerät in eine Identitätskrise, wird zwischenzeitlich lesbisch, zur Mörderin und schließlich zu Kim Novak und, zumindest optisch, auch zu Grace Kelly. Wobei leider nur wenig Grazie durch das hölzerne Schauspiel der jungen Hauptdarstellerin durchscheint. Sie ist allerdings nicht das einzige Problem. Fast alle Charaktere agieren dermaßen unglaubwürdig, schablonenhaft, absurd und teilweise unfreiwillig komisch, dass ich am Ende nicht sicher war, ob Alex das Ganze tatsächlich ernst gemeint hatte.
„What are you trying to do? Wake the dead?“ fragt Jade Barrymore in einer Szene. Wahrscheinlich war das sein Ziel. Ein erster Versuch, die Vergangenheit auferstehen zu lassen. Eine filmische Séance, zusammengesetzt aus Zitaten und Symbolen. Diese zu deuten, kann durchaus Spaß machen, wenn man die Hoffnung auf ein nachvollziehbare Handlung oder ein halbwegs schlüssiges Drehbuch erst einmal aufgegeben hat. Es gibt einzelne Szenen, die für sich gesehen, funktionieren. Kleine Skizzen, aus denen eventuell mehr hätte werden können. Tippi Hedren verweist in ihrer Rolle direkt auf ihr einst sehr reales problematisches Verhältnis zu Hitchcock: „He must have been obsessed. He had a thing for blondes.“ Monty Clift spukt ebenfalls durch die Geschichte. Sein Foto taucht in der Wohnung von Maxwell Caulfields Charakter auf, der übrigens durchgehend redet wie die Karikatur eines englischen Aristokraten. Als er der gestressten jungen Psychiaterin einmal aus unerfindlichen Gründen mitten am Tag in einem leeren Kino auflauert, läuft dort gerade „A Place In The Sun“. Etwas an dieser Geschichte kam mir bekannt vor: eine Frau mit verschiedenen Identitäten, symbolisiert durch den Wechsel ihrer Haarfarbe. Verdrängte Ängste und erotische Obsessionen, gespiegelt in Träumen und „Film im Film“-Sequenzen. Ich musste an David Lynch denken. Der hatte mit ähnlichen Motiven gearbeitet, allerdings erst Jahre später, in „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“. Lynch war bekannt dafür, seine Kreativität durch transzendentale Meditation zu unterstützen, um sozusagen im kollektiven Unterbewusstsein nach neuen Ideen zu suchen. Wer hatte hier wen inspiriert? Am Ende zitieren sie beide Hitchcocks „Vertigo“.
Sich von seinen Vorbildern inspirieren zu lassen, ohne eine zweitklassige Kopie zu schaffen, das ist eine Herausforderung für die meisten jungen Filmemacher. Zu Beginn der Dreharbeiten war Alex gerade 22 Jahre alt. An Alfred Hitchcock und dessen übermächtigen Schatten sind schon wesentlich ältere und etabliertere Regisseure gescheitert. Brian de Palma zum Beispiel, ebenfalls ein bekennender Fan des Meisters, der in den 80ern mit „Dressed to Kill“ und „Body Double“ zwei ziemlich umstrittene Neuinterpretationen schuf. Letztere mit Melanie Griffith in der Hauptrolle, Tippi Hedrens Tochter. Oder Gus Van Sant, dessen Neuverfilmung von „Psycho“ einige Jahre später zum grandiosen Flop wurde. Was hätte Hitchcock wohl selbst zu all dem gesagt? Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis sein Geist sich bei Alex melden würde. In den letzten Monaten fing er wieder an, Screenshots und Kommentare zu seinem Debütfilm zu posten. „Inevitable Grace“ sei die Geschichte einer Reinkarnation, so meint er heute. Möglicherweise. Er wird es am besten wissen. Der Film ist Teil seiner persönlichen Mythologie. Deren Zentrum war und ist immer Monty. Clift und Canawati.
Was lag da näher, als sich an eine Neuverfilmung von „A Place in the Sun“ zu wagen? Diese Idee schien wirklich unvermeidlich, geradezu schicksalshaft für Alex. Es gab auch konkrete Pläne, ein Drehbuch, erste Vorbereitungen. Unter dem Titel „Deep in the Heart“ sollte die Geschichte für die 90er Jahre mit Robert Downey Jr. in der Hauptrolle neu erzählt werden. Remakes alter Filme waren seit langem eine beliebte Methode, um mit einem alten Stoff ein neues Publikum zu erreichen. Auch „A Place in the Sun“ war seinerzeit bereits eine Adaption von Josef von Sternbergs „An American Tragedy“ (1930). Allerdings eine, die das Original eindeutig in den Schatten stellte. Ob Alex sich damit messen konnte? Soweit sollte es nicht kommen, denn zeitgleich stolperte der skandalgeplagte Downey Jr. wieder einmal zwischen Drogentherapien und Gefängnisaufenthalten hin und her. Die Vorbereitungen gerieten ins Stocken und die Sache war schnell wieder vergessen. Alex fragt sich bis heute, welchen Verlauf seine Karriere genommen hätte, wenn die Sterne für ihn damals günstiger gestanden hätten. Ein weiterer berühmter Name, hätte der wirklich einen Unterschied gemacht, den einen entscheidenden? Er besitzt noch immer die Rechte an seinem Drehbuch. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die die Geschichte doch noch einmal umgesetzt wird, irgendwann.
Aufgeben ist keine Option in Hollywood. Absagen sind hier die Norm. Die Warterei, die Enttäuschungen, all das gehört dazu. Es ist ein Glücksspiel, eine nervenaufreibende Geduldsprobe. Wer das nicht aushält, verlässt die Branche nach ein paar Jahren wieder. Alle anderen machen weiter, versuchen zu überleben oder werden irre, manchmal alles gleichzeitig. Stars und Sternchen, ehemalige, zukünftige und selbsternannte, alle auf der Suche nach Ruhm und Bestätigung, das war nun seine Gesellschaft. Also drehte er einen Film darüber: „Citizens“ – eine lockere, pseudo-dokumentarische Collage über den chaotischen Alltag junger Schauspieler zwischen Castings, Prostitution und Drogenabstürzen. Die berüchtigte Kehrseite Hollywoods. An Inspiration mangelte es ihm ganz sicher nicht, an Kontakten auch nicht. Nur die Finanzierung wurde immer mehr zum Problem. Not macht bekanntlich erfinderisch, also lernte er zu improvisieren. Das Amateurhafte war nun beabsichtigt, ein Stilmittel, inspiriert von Andy Warhols Experimentalfilmen der 60er Jahre. Sogar einige von Warhols Original „Superstars“ konnte er dafür gewinnen: Joe Dallesandro, Holly Woodlawn und Udo Kier. Nicht zuletzt Alex „Superstar“ Canawati selbst in einer zentralen Rolle. Jeder scheint sich hier selbst zu spielen: „I’m sick of my career going down the tube“, „We should make our own movie“ – Sätze aus dem Film und aus dem Leben seiner Protagonisten. Was ist aus „Citizens“ geworden? Es gibt einen Trailer, mehr nicht. Unvollendet, wie so vieles aus dieser Zeit.
Die Jahrtausendwende stand vor der Tür und Alex hatte sich schon daran gewöhnt, seine Ideen künftig auf eigene Faust umzusetzen. Frei und unabhängig zu sein, das ist grundsätzlich keine schlechte Situation. Aber wie verschafft man sich die nötige Aufmerksamkeit, ohne die jeder Künstler am Ende doch zugrunde gehen muss? Alleine würde er es nicht schaffen. Hilfe aus dem Jenseits war nötig. Aus der Vergangenheit, dort wo er ohnehin schon nach Inspiration gesucht hatte. Die Richtung stimmte. Er war nur noch nicht weit genug zurückgereist.
Teil 2: Geister
„Drama, a city full, tragic and pitiful …“
(Don Blanding, „Hollywood“,1928)
Wir müssen noch einmal ein paar Jahrzehnte zurückspringen. Zum Anfang der Goldenen Ära. Genauer gesagt zum Morgen des 2. Februar 1922 , als Los Angeles von einer Nachricht geweckt wurde, die zuerst die Filmindustrie und bald auch den Rest des Landes in Aufregung versetzen sollte: William Desmond Taylor war ermordet in seiner Wohnung im Westlake Park District aufgefunden worden. Die Umstände der Tat erwiesen sich bald als ebenso seltsam wie die Lebensgeschichte des Opfers. Über beides sollten die Leser der amerikanischen Presse in den nächsten Wochen umfangreich informiert werden. William Desmond Taylor war damals eine der bekanntesten Persönlichkeiten Hollywoods. Als Regisseur hatte er mehr als fünfzig Stummfilme für die Famous Players–Lasky Corporation (Vorgänger der späteren Paramount Pictures) gedreht. Als Präsident der Motion Picture Directors Association war er außerdem so etwas wie das Aushängeschild der Filmindustrie, die sich dieses Drama nicht besser hätte ausdenken können. Darin ging es um ein Opfer mit mysteriöser Vergangenheit, einen Filmproduzenten (Adolph Zukor), der mächtiger war als der Polizeipräsident von Los Angeles, um Vertuschungsversuche, Erpressung und geheime Affären. Um eine Liste von Verdächtigen, die im Laufe der Zeit immer länger und abenteuerlicher wurde. Darunter zahlreiche bekannte Schauspielerinnen, allen voran Mabel Normand, die Taylor am Abend zuvor besucht hatte. Ein ehemaliger Assistent auf der Flucht, diverse Gangster, Drogendealer sowie die Mitglieder eines geheimnisvollen homosexuellen Opiumkults standen ebenfalls auf der Liste. Und es ging um einen Mordfall, der bis heute unaufgeklärt blieb.
Mehr als 70 Jahre später war Alex auf dem Hollywood Boulevard unterwegs, am östlichen, weniger spektakulären Ende, Ecke Normandie Avenue. Was ihn an diesem Tag dorthin getrieben hatte? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall fand er genau dort, so geht die Legende, zusammen mit einer Freundin, einen Sack mit Schwarzweiß-Filmmaterial, fabrikneu und versiegelt. Insgesamt 19 Rollen, in perfektem Zustand. Irgendjemand hatte die dort entsorgt. Oder hinterlegt für einen vom Glück verlassenen Filmemacher auf der Suche nach etwas Unterstützung. Die Idee, einen Stummfilm im Stile der 20er Jahre zu drehen, hatte er schon länger mit sich herumgetragen. Der unerwartete Fund beflügelte diese Idee nun erneut. An einem Dienstag hatte er die Filmrollen entdeckt, am darauffolgenden Samstag begann er mit den Dreharbeiten, zusammen mit einer spontan zusammengetrommelten Truppe von Freunden, Schauspielern und Gelegenheitsdarstellern. Improvisieren konnte er ja inzwischen gut. Als Thema bot sich der Mordfall William Desmond Taylor geradezu an. Ein klassisches Real Crime Drama, noch dazu aus der Filmstadt selbst. Erstaunlich, dass die Geschichte bis dahin noch nie verfilmt worden war. Vorhang auf für „The Birth Of Babylon“, ein Kurzfilm von knapp 18 Minuten Länge, gedreht an nur einem Wochenende mit einen Budget von 800 Dollar, der nicht nur die verruchte Anfangszeit Hollywoods wiederbeleben sollte, sondern auch den Glauben seines Regisseurs an sein Talent.
Stummfilm ist Film in seiner reinsten, ursprünglichsten Form, das betont Alex immer wieder. Mit „The Birth Of Babylon“ ging er zurück zu den Wurzeln seiner Kunst. Nur wenige kurze Szenen waren nötig, um William Desmond Taylor und seine Ära auferstehen zu lassen. Grobkörnige Bilder in schwarzweiß, begleitet von Klaviermusik und unterbrochen von den typischen Texttafeln jener Zeit. Der Spaß, den die Darsteller an ihrem improvisierten Spiel und der überdrehten Mimik hatten, ist ihnen deutlich anzusehen. Alex selbst spielte einen der Detektive, die den Mord an William Desmond Taylor untersuchten. Der Film endet mit der Nachstellung jener frivolen Opium- und Kokain-Partys, für die das Hollywood der 20er Jahre berüchtigt war. Partys, mit oder ohne „Schnee“ waren dort schon immer unverzichtbar, um Kontakte zu knüpfen. Alex war gut darin, im Netzwerken und wohl auch im Feiern. Das mag auch ein Grund gewesen sein, dass sein kleiner Low-Budget-, besser gesagt „No-Budget“-Film plötzlich so viel Aufmerksamkeit erfuhr. Im Oktober 1999 konnte er die Premiere von „The Birth Of Babylon“ im legendären Sunset Tower Hotel feiern, ein knappes Jahr später gewann er den Preis für den besten Kurzfilm beim unabhängigen AFFMA Filmfestival in Los Angeles. Für Alex ein klares Zeichen dafür, dass er auf der richtigen Spur war. Bestärkt wurde er darin unter anderem von der Schauspielerin Maria Conchita Alonso, die ihn, natürlich auch auf einer Party, nach einer möglichen Fortsetzung fragte. Hatte er nicht vielleicht auch eine Rolle für sie in einem weiteren Stummfilm? Ja, die hatte er: Lupe Velez, die mexikanische Diva der 20er und 30er Jahre, deren temperamentvolle Filmrollen von ihrem skandalöse Privatleben noch übertroffen wurden. Nur eine von vielen Persönlichkeiten und Geschichten, die sich anboten, um dort anzuknüpfen, wo „The Birth Of Babylon“ aufgehört hatte.
„Celluloid Babylon“, so hatte der Dichter Don Blanding die Filmstadt 1928 in seinem Gedicht genannt. Mit dem biblischen Vorbild, Babylon, der „Mutter der Huren und aller Gräuel auf Erden“, wurde Hollywood bereits seit seinen Anfangstagen in Verbindung gebracht, als eine Handvoll Unternehmer unter der Sonne Kaliforniens einen neuen Goldrausch erlebte. Mit den bewegten Bildern ließ sich plötzlich eine Menge Geld verdienen. Eine ebenso bewunderte wie verpönte Art an Berühmtheiten entstand, Filmstars, über Nacht zu Millionären geworden und scheinbar außerhalb von Sitte und Moral stehend. Es war die Zeit von Sex, Drugs und Charleston, das Kino wurde zum Götzen der Massenkultur und der christlich-konservative Teil Amerikas war entsprechend alarmiert. Vor der Einführung des Hays Code in den 30er Jahren konnten die Filmstudios noch frei von jeglicher Zensur arbeiten, somit also auch Dinge darstellen, die den Konservativen als tabu galten. Hollywood gegen den „Bible Belt“, Hedonismus versus Puritanismus – das ist ein Kulturkampf, der sich in veränderter Form bekanntlich bis heute fortsetzt. Aber nicht nur das vermeintlich lasterhafte Geschehen auf der Leinwand war für die Sittenwächter ein rotes Tuch. Auch das Privatleben der Stars lieferte beständig neue Schlagzeilen, die die Moral der Öffentlichkeit zu zerrütten drohte und von denen sie auch deshalb gar nicht genug bekommen konnte. Als sich 1922 die Nachricht vom Mord an William Desmond Taylor verbreitete, hatte Produzent Adolph Zucker bereits mehrere Skandale unter Kontrolle zu bringen. Erst kurz zuvor hatte der Fall von Rosco „Fatty“ Arbuckle für Aufsehen gesorgt. Arbuckle, damals einer der höchstbezahlten Kinostars, war wegen Vergewaltigung und Mord angeklagt. Nach mehreren Gerichtsverhandlungen wurde er schließlich freigesprochen, seine Karriere war jedoch am Ende. Und die Studios sahen sich mit immer lauteren Zensur-Forderungen konfrontiert. Später hatte Kenneth Anger mit seinem Kultbuch „Hollywood Babylon“ viele dieser Skandale für die Gegenkultur der 60er und 70er Jahre wiederbelebt. Mit der Wahrheit hatte es darin allerdings nicht immer so genau genommen, hatte Fakten mit Gerüchten vermischt und zusätzlich mit seinen eigenen okkulten Ideen gewürzt. In diesem reichen Fundus von Horrorgeschichten und Tragödien fand Alex sein Material für „Return to Babylon“.
Die William Desmond Taylor Story, die er bereits für „The Birth Of Babylon“ gedreht hatte wurde nun zum Ausgangspunkt für eine Reihe weiterer Episoden, für deren Rollen es auch schon jede Menge illustre Bewerber gab. Alex war noch immer bestens vernetzt, vielleicht besser als je zuvor. So konnte er Jennifer Tilly als Clara Bow besetzen, Debi Mazar als Gloria Swanson und Maria Conchita Alonso als Lupe Velez. Laura Harring, die zeitgleich eine der Hauptrollen in David Lynchs „Mulholland Drive“ spielte, erhielt eine kurze Szene, und auch Tippi Hedren kehrte zurück und verkörperte „Mrs. Peabody“, die Sekretärin von Adolph Zukor. Auch hier hatte Alex wieder eine Hitchcock-Referenz versteckt, denn „Mrs. Peabody“ war auch der Arbeitstitel von Hitchcocks erster, unvollendeter Regiearbeit von 1922. Bei der Besetzung schien Alex freie Wahl zu haben, einigen prominenten Schauspielerinnen soll er sogar Absagen erteilt haben. Er muss sich in dieser Zeit wie der heimliche König von Babylon gefühlt haben. Und das noch immer unabhängig, ohne große Budgets und Studios im Rücken. Etwas mehr als 800 Dollar wird er diesmal gebraucht haben. Aber die meisten Beteiligten waren noch immer bereit, für wenig oder ganz ohne Bezahlung zu arbeiten. Maria Conchita Alonso und andere sprangen als Produzenten ein. Es war ein Liebhaber-Projekt, das vom Glauben an eine Idee und seinen enthusiastischen Regisseur zusammengehalten wurde.
„Return to Babylon“ beginnt mit dem Blick in eine Kristallkugel. „Behold the tale of souls who lived and died, worked and played, rich or poor, forever shadows on the Silver Screen“ steht auf einer der ersten Texttafeln. Die magische Kugel dient hier als Verbindungsglied zwischen den einzelnen Geschichten und ist gleichzeitig ein Hinweis auf das teils Märchenhafte der Erzählungen. Auch Alex musste sich Freiheiten erlauben. Wer wusste schon, wie es damals wirklich zuging bei Clara Bows wilden Partys, in der Ehe zwischen Lupe Velez und „Tarzan“ Johnny Weissmuller oder als die kokainsüchtige Alma Rubens den Verstand verlor? Alles Szenen, die Alex und seine Darsteller mit viel Verve umsetzten. Es ging um ein Stimmungsbild, improvisiert und komödiantisch. Diesmal sollte es ein abendfüllender Spielfilm werden. Dass die Fertigstellung nicht ganz einfach werden würde, hatte Alex wohl geahnt. Fast drei Jahre dauerte es, bis alle Szenen abgedreht waren. Die episodenhafte Struktur ermöglichte es ihm, immer dann weiterzumachen, wenn Schauspieler und Drehorte zur Verfügung standen.
Wo war Monty Clift in jener Zeit? In der Welt des Stummfilms schien für ihn eher wenig Platz zu sein. Alex hatte sein Alter Ego, zumindest vorübergehend, durch Rudolph Valentino ersetzt. Für „Return to Babylon“ schlüpfte er selbst in die Rolle des legendären Latin Lovers, konnte sogar dessen früheres Wohnhaus „Falcon Lair“ in Beverly Hills als Drehort nutzen. In seinen eigenen Filmen mitzuspielen war für ihn mittlerweile zur Gewohnheit geworden. Es mag praktische Gründe gehabt haben (ein Darsteller weniger, um den er sich kümmern musste), war aber sicher auch seiner Eitelkeit geschuldet. Gleichzeitig setzte er damit, bewusst oder unbewusst, eine gewisse Tradition fort. Die ersten Filmemacher, die Pioniere des frühen Stummfilms, hatten ihren Beruf noch selbst erfinden müssen, sie waren dabei oft gleichzeitig Regisseure, Kameramänner und auch noch Schauspieler.
Es gehört zur Folklore Hollywoods, dass es in den Villen vieler verstorbener Stars spukt, und „Falcon Lair“ war in dieser Hinsicht besonders berüchtigt. Schon kurz nach Rudolph Valentinos Tod im Sommer 1926 begannen Gerüchte über Geistererscheinungen zu kursieren. Einige der späteren Mieter erzählten von unheimlichen Stimmen, knarrenden Treppen und sonstigen Geräuschen. Später kam heraus, dass es wohl einer der Hausmeister war, der für den Spuk verantwortlich war, ein Hobby-Spiritualist, der in dem Haus Séancen veranstaltete und den Erscheinungen mit selbstgebauter Elektronik etwas nachhalf. Die Gerüchte hörten dennoch nicht auf, auch nicht als Alex und seine Filmcrew sich dort aufhielten. Wenn jemand Valentinos Geist hätte spüren müssen, dann doch wohl Alex selbst. Es waren aber vor allem die anderen Schauspieler und Mitglieder seines Teams, die über unheimliches Erlebnisse zu berichten begannen. Kalte Luftzüge, Berührungen durch unsichtbare Hände, Stimmen, seltsame Schatten, die Ahnung einer Präsenz – das ganze Repertoire untoter Seelen also. Neben Valentinos Villa wurden noch andere Häuser ehemaliger Filmstars als Drehorte genutzt. Raum und Gelegenheit für deren Geister, sich bemerkbar zu machen, gab es reichlich. „Behold the tale of souls who lived and died“ …
2003 waren die letzten Szenen abgedreht und Alex machte sich an den langwierigen Prozess der Nachbearbeitung und des Schnittes. Was er dabei entdeckte, dafür gibt es nun unterschiedliche Erklärungen. Er selbst spricht von Morphings. Einzelne Bilder zeigten plötzlich merkwürdige Veränderungen, die Gesichter und Gliedmaßen von Schauspielern schienen grotesk verformt. Was nüchtern betrachtet, rein technische Gründe haben konnte. „Return to Babylon“ wurde mit einer alten handgekurbelten Kamera gedreht und mit Schwarzweißfilm, dessen Bildrate zwischen 16 und 18 Bildern pro Sekunde lag. Bei der Übertragung der Filmnegative auf die standardmäßigen 24 Bilder pro Sekunde und später in ein digitales Format wurden viele der Einzelbilder künstlich gestreckt. Anders ausgedrückt: die „Morphings“ waren eventuell nur ein technischer Nebeneffekt. Die optischen Verformungen, die dabei sichtbar wurden, schienen aber teilweise so bizarr, dass Alex mehr darin zu sehen begann: dämonische Fratzen, Vampirgleiche Gestalten, Hände, die zu monströsen Krallen wurden. Das Filmmaterial schien während des Schnittprozesses ein eigenes Leben zu entwickeln. Alex beteuert, dass er nichts davon beabsichtigt hatte. Im Gegenteil, er ließ das Material von mehreren Experten prüfen, die dafür angeblich keine sinnvollen Erklärungen finden konnten. Je mehr er die Bilder analysierte, desto mehr entdeckte er darin. Nicht nur Verformungen, sondern ganz neue Erscheinungen, Schatten, Gestalten und Gesichter, die er nicht gefilmt hatte. Konnte es sein, dass es nicht nur an den Drehorten gespukt hatte, sondern dass nun auch sein Film selbst verhext war?
Wie bei solchen Erzählungen üblich, teilt sich auch hier das Publikum in Gläubige und Skeptiker. Ich selbst finde mich dazwischen, immer mal wieder von der einen zur anderen Seite schwankend. Sehen wir nicht meist genau das, was wir sehen wollen? Die subjektive Wahrnehmung lässt manche von uns in einer bestimmten Wolkenformation Gesichter erkennen, wo andere nur eine Wolke sehen. Insofern sind die Aufnahmen von „Return to Babylon“ auch eine Art cineastischer Rorschach-Test: Schau in die magische Kugel und sag mir, was du siehst! Alex hat Standbilder zusammengestellt, die den paranormalen Einfluss auf seinen Film beweisen sollen. Manches davon wirkt tatsächlich unheimlich, das muss ich zugeben, und lässt sich eben nicht durch Unschärfe oder eine herkömmliche Verzerrung von Filmmaterial erklären. Was auch immer sich dahinter verbarg, es sollte Teil des fertigen Films werden. Eine merkwürdige Umkehrung hatte hier stattgefunden. Schließlich hatte die Magie des Kinos immer darin bestanden, dem menschlichen Auge die Illusion von Bewegung vorzutäuschen. Alex aber entdeckte seinen ganz speziellen Filmzauber erst, als er die bewegten Bilder anhielt.
Es war 2007, als ich zum ersten Mal durch Myspace auf ihn aufmerksam wurde. Zu der Zeit existierten bereits mehrere Schnittversionen und Trailer von „Return to Babylon“. Laut imdb.com befand sich der Film bereits seit mehr als drei Jahren in der Post-Production. Als Gründe wurden jene Anomalien, Morphings und paranormalen Erscheinungen genannt, die Alex entdeckt hatte und über die er nun bereitwillig berichtete. Einen Verleih gab es für den Film nicht, die Veröffentlichung sei aber für 2008 geplant, hieß es. Dank seiner prominenten Darsteller schwappte die Geschichte sogar kurzzeitig in den Mainstream über. Jennifer Tilly plauderte bei einem Auftritt in Jay Lenos „Tonight Show“ über ihre unheimlichen Erlebnisse am Set. Später widmete sich eine komplette Folge der TV-Serie „My Ghost Story“ des Biography Channels dem Spuk um „Return to Babylon“. Alex hätte sich während der Dreharbeiten verändert, erfuhr man darin. Maria Conchita Alonso und die Sängerin und Schauspielerin Morganne Picard (die für Alex in die Rolle von Mabel Normand geschlüpft war) nannten es seine „Besessenheit“. Er schien exzentrischer als er ohnehin schon war, meinten sie. Alex selbst kam auch zu Wort und wirkte in der Tat fahrig und etwas überspannt. Man hätte ihm vorgeworfen, einen Pakt mit dem Teufel eingegangen zu sein. Eine dunkle Macht hätte sich seines Films und seiner Schauspieler bemächtigt, so erzählte er mit voller Überzeugung und weit aufgerissenen Augen. Es waren die selben Augen wie auf dem Premierenfoto von 1994, aber es war nicht mehr der selbe Blick. Etwas hatte sich verändert, die letzten zehn Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen.
Vielleicht hieß der Teufel einfach nur Stress. Das ständige Arbeiten am Randes des Bankrotts, die Ungewissheit, ob und wann das Projekt endlich zum Abschluss kommt, das kann einem schon mal die letzten Nerven rauben. In der Verzweiflung greift ein gestresster Filmemacher dann wohlmöglich auch zu ungewöhnlichen Methoden, um auf sich aufmerksam zu machen. Aufmerksamkeit und Anerkennung, darum geht es doch, niemand möchte übersehen oder vergessen werden. Den Vorwurf des Hoaxes hat sich Alex daher schon oft anhören müssen. Es hat ja auch funktioniert. Zumindest vorübergehend wurde über ihn geredet, er wurde interviewt und neugierig betrachtet. Und wurde so selbst ein Teil von Hollywoods düsterer Folklore. Der Fund der Filmrollen am Hollywood Boulevard, Valentinos Spukhaus und natürlich die Morphings – man musste gar nicht unbedingt an Geister glauben, um diese Geschichte interessant zu finden. Unzählige Male hat Alex sie seitdem erzählt, gefangen in einem scheinbar unendlichen Loop aus Fragen und geheimnisvollen Andeutungen. Was hatten die Botschaften aus dem Jenseits zu bedeuten? War er auserwählt? „Es reizte mich, einen Film über Hollywood-Tragödien drehen, weil ich selbst eine war“, meinte er einmal. Passender hätte ich es auch nicht ausdrücken können.
2008 verstrich und ein möglicher Veröffentlichungstermin wurde auf 2011 verschoben. Ein Freund und Kollege, der Filmemacher Matt Riddlehoover, half ihm, eine neue Version zu schneiden, die auch eine Zusammenstellung all der berüchtigten paranormalen Szenen und Einzelbilder enthielt, sozusagen als Bonusmaterial. Es war diese Version, die mir Alex als DVD zuschickte und über die wir uns danach öfter per E-Mail austauschten. Die finale Version war es allerdings noch nicht. Die erblickte erst 2013 das Licht der Welt, mit Hilfe eines weiteren Freundes: Stanley Sheff a.k.a. „Maxwell DeMille“, der in „Return to Babylon“ Douglas Fairbanks spielte. Maxwell DeMille ist wie Alex ein Liebhaber der goldenen Ära Hollywoods. Er hatte in seiner Jugend noch mit Orson Welles zusammengearbeitet und veranstaltet bis heute regelmäßig Retro-Partys im „Club Cicada“ in Los Angeles. Dort fand am 11. August 2013 dann auch endlich die Premiere statt, ganze zehn Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten und pünktlich zu Alex’ 44. Geburtstag. Es war der selbe Club, in dem auch Szenen für den Oscar-premierten Stummfilm „The Artist“ gedreht wurden. Alex betont gerne, dass eigentlich er es war, der das Stummfilm-Revival einleitete. Er war zuerst da, da hat er Recht. Es wäre auch nicht übertrieben zu sagen, dass „Return to Babylon“ origineller und authentischer wirkt, was dieses Genre angeht. Nur erhielt er nun mal nicht dieselbe Art von Unterstützung wie „The Artist“. Weil er eben auch nicht Harvey Weinstein hinter sich hatte.
Dafür gäbe es Beistand von anderer Seite. Einer der geladenen Premierengäste war ein Großneffe Rudolph Valentinos namens Giovanni Guglielmi. Alex hatte ihn erst kurz zuvor kennengelernt. „Zufällig“ hätte ich beinahe ergänzt – aber wir wissen es inzwischen besser, es musste einfach so kommen. Guglielmi schenkte ihm einen Rubinring aus dem Besitz von Valentinos Nachkommen. Mit diesem Ring ging Alex später zu einer Hellseherin, die, derart aufgeladen mit dessen Energie, auch sogleich Kontakt mit Rudy Valentino aufnahm. Alex vertraute inzwischen immer mehr den Kräften des Paranormalen und war zu dem Schluss gekommen, auch selbst hellsichtig zu sein. Und was soll ich sagen, je länger ich mich mit ihm beschäftige, desto mehr sehe auch ich mittlerweile Zusammenhänge, dir mir unter anderen Umständen vielleicht nicht aufgefallen wären. Hellsichtig macht mich das noch nicht, aber aufmerksamer. Zum Beispiel für die Tatsache, dass Rudolph Valentinos Grab die Nummer 1205 hat. Die Umdrehung von 05-12 also, jener verhängnisvollen Zahl, die Montgomery Clifts Autounfall markierte. Noch spüre ich keine kalten Luftzüge oder unsichtbaren Hände, aber lange kann es nicht mehr dauern!
Eigentlich braucht der Film den ganzen Spuk um seine Entstehung gar nicht. Er funktioniert auch allein sehr gut. Als unterhaltsame, nicht ganz ernst gemeinte Hommage an eine längst vergessene Epoche Hollywoods, die nicht weniger irre und verrucht war als all die Aufreger und Skandale unserer Zeit. Dass er überhaupt fertiggestellt werden konnte, war vielleicht seine größte Errungenschaft. Nach der Premiere 2013 folgten noch einige wenige Aufführungen, seitdem ist der Film nur noch auf YouTube zu sehen. Es gibt eine Webseite und einen großartigen Slogan: „Return To Babylon – The Silent Movie screaming to be heard!“ Das ist es. Ich könnte an dieser Stelle die Geschichte beenden. Aber so einfach ist die Sache nicht. Dazu ist sie zu sehr mit der Person von Alex Monty Canawati verknüpft. Und der ist noch lange nicht fertig, noch nicht dort angekommen, wo er hingehört. Der Fall bleibt offen, ungelöst wie der Mord an William Desmond Taylor.
Teil 3: Der König von Babylon
„It’s not me that makes the decision. It tells you when it’s finished. You don’t tell IT!“
(Alex Monty Canawati, 2004)
Was fehlt noch? Ein nachträglicher Blick hinter die Kulissen vielleicht. Vor kurzem stieß ich auf einen kanadischen Dokumentarfilm namens „Camp Hollywood“, der 2004 veröffentlich wurde. Darin werden die Bewohner des Highland Gardens Hotels am Fuße der Hollywood Hills porträtiert. Junge Schauspieler in der Hoffnung auf ein einen Job, ein kettenrauchender Autor, ein ehemaliger Bankräuber, illustre und gestrandete Gestalten aller Art. Und mittendrin taucht Alex auf, der nur als „Monty“ vorgestellt wird und der dort mit seinem Team gerade die letzten Szenen für „Return To Babylon“ dreht. Es ist kein besonders schmeichelhaftes Bild, das er hier abgibt, wenn auch ein sehr unterhaltsames. Er wirkt noch fahriger und besessener als bei seinem Auftritt in „My Ghost Story“, wie die Karikatur eines egomanischen Filmregisseurs. Spielt er auch hier nur eine Rolle? Diese Szenen, wie eigentlich das gesamte „Making Of“ von „Return To Babylon“ hätten auch eine großartige Reality Show abgegeben. „Monty am Randes des Nervenzusammenbruchs“ hätte die dann geheißen. „Alle sagen, Monty sei auf Drogen“, meint er am Ende aufgekratzt, „Glaub mir, ich hab noch nie eine Nadel in meinen Arm gesteckt!“ In selben Moment zoomt die Kamera auf eine Schüssel mit Spritzen. „Wem gehören die?“ fragt er. Ja, wem gehören die, Alex?
Wer bleibt schon auf Dauer nüchtern im „Camp Hollywood“? Ohne ein wenig Beistand durch Pulver, Spritzen, Pillen, ohne Upper und Downer und sonstige Substanzen hat es hier noch niemand lange ausgehalten. Auch darum ging es schließlich in „Return To Babylon“, um diesen Teufelskreis aus Ruhm, Sucht und Absturz. Wenn du nicht schon vorher verrückt warst, dann wirst du es hier garantiert. Sofern du es denn überlebst. So ähnlich beschrieb es Alex selbst in einem Interview mit Skip E. Lowe, dem legendären Hollywood-Klatsch-Insider, der 2014 in die Welt der Geister übergesiedelt ist. „Skip E. Lowe looks at Hollywood“ hieß dessen kauzige Talkshow, in der er mehr als dreißig Jahre lang, jenseits vom Mainstream, Schauspieler und Filmemacher interviewte. Nicht sehr überraschend, gehörte auch er zu Alex’ buntem Bekanntenkreis und hatte einen kurzen Auftritt im unvollendeten „Citizens“.
In den Highland Gardens hatte Alex im Zimmer 206 Station gemacht. Es war nur eines von vielen Hotels, Motels, Bungalows und temporären Wohnsitzen, in denen er die nächsten Jahre verbachte. In einem kleinen Haus in Ojai, nordwestlich von Los Angeles, hatte er nach Abschluss der Dreharbeiten die ersten Veränderungen in seinem Filmmaterial entdeckt. In dieser Zeit fingen auch seine Visionen an. Lichter, Stimmen und Erscheinungen. Sie begleiten ihn bis heute, tauchen immer wieder sporadisch auf, sprechen zu ihm, weisen ihm den Weg, übernehmen die Regie. Im Januar 2004, so erzählt er, traf ihn ein Lichtstrahl, auf dem Dach eines Hauses an der Melrose Avenue. Ein göttliches Zeichen, was sonst? Mehrmals soll ihm das passiert sein. Heute sieht er sich regelmäßig von einer Geist-Energie umgeben, schwebenden Lichterscheinungen, die er vor allem Nachts wahrnimmt. Die Visionen nehmen mitunter aber auch konkretere Gestalt an. Einmal sah er Jesus, Rudolph Valentino, Charlie Chaplin und den MGM-Löwen zusammen im Vorgarten eines Nachbarn. Valentino hat ihm zugezwinkert. In der Nähe der Montgomery Street war das, im Stadtteil Downey. Valentino, Montgomery, Downey – das klingt sogar für mich inzwischen wie eine heilige Dreieinigkeit. Die Jungfrau Maria ist ihm erschienen, der Geist von Alfred Hitchcock und Walt Disney.
Alex weiß, wie solche Schilderungen auf andere wirken, wie schnell man an seiner geistigen Gesundheit zweifeln kann. Er ist sich dessen durchaus bewusst. Aber wer auserwählt ist, kann sich um so schnöde Dinge wie Gesundheit nun mal keine Gedanken machen. Es geht darum, die Visionen zu deuten und in so etwas wie Kunst zu verwandeln, und sei es auch nur die Kunst zu überleben. Durchhalten und in dem Chaos einen Sinn erkennen. Es gab in dieser Zeit Krankenhausaufenthalte, Konfrontationen und wohl auch einige Nächte im Gefängnis. Und es gab immer mal wieder manische Posts auf Instagram und Facebook. Wirre Puzzleteile einer Biografie, die ich nur bruchstückhaft und aus der Ferne wahrnehmen konnte. Manchmal hatte ich mir Sorgen gemacht. Wenn wieder einmal eine dieser E-Mails kam mit einem Foto, das die Jungfrau Maria zeigen sollte, auf dem ich aber nichts als eine formlose Licht-Reflexion erkennen konnte. Mit Fotos von Kristallen und Straßenschildern, Namen und Botschaften. Das gehört dazu. Ich habe es akzeptiert, so wie die Geschichte von seiner Wiedergeburt. Was weiß ich denn schon von dieser Welt, die er heraufbeschworen hat? Ich weiß nur eins: Wir alle haben unsere eigenen, unterschiedlich ausgerichteten Antennen. Manche von uns können Frequenzen und Energien empfangen, die anderen verschlossen bleiben. Auch wenn die klingen wie ein Hollywood-Fiebertraum auf LSD. Ein konfuses Drehbuch, das zu oft umgeschrieben wurde. Oder wie ein Remix von „Hotel California“ in Dauerschleife: „You can check out any time you like, but you can never leave!“ Bette Davis spricht zu ihm? Joan Crawford? Valentino, Disney und der Heilige Geist? Okay, kein Problem. Höre ich selbst nicht auch Stimmen? „Schreib alles auf“, flüstern diese Stimmen, „egal wie absurd oder unfertig es dir auch erscheinen mag, Hauptsache die Geschichte geht raus in die Welt!“ Niemand möchte vergessen werden.
Hollywood, Babylon, Hotel California – wie auch immer wir diesen seltsamen Ort nennen, der Wahnsinn gehört unweigerlich dazu, so wie die Palmen, die Drogen und der totgetrampelte Walk of Fame. Sein Mythos speist sich ja vor allem auch durch diejenigen, deren Träume hier nicht in Erfüllung gegangen sind. All die hoffnungsvollen Talente, die immer genau einen Schritt vorm großen Durchbruch scheitern, die im Schatten bleiben, verzweifeln und verrückt werden. Von den meisten hört man nie etwas, einige erlangen erst durch ihren Selbstmord etwas Berühmtheit. So stürzte sich die erfolglose Schauspielerin Peg Entwistle 1932 von dem berühmten Hollywood-Zeichen in den Tod und lebt allein dadurch bis heute in der Popkultur fort. Man muss seinen Auftritt nur richtig inszenieren, wie kurz er auch sein mag. Die ganze Stadt ist ein Friedhof von Zombie-Starlets, Wannabes und Has-beens. Kein Wunder, dass es dort spukt. Das Kino hat diesen Spuk längst zum Thema gemacht, wahrscheinlich nirgends und nie wieder so treffend und selbstreferenziell wie in Billy Wilders „Sunset Boulevard“ von 1950. Dort spielt der ehemalige Stummfilmstar Gloria Swanson die fiktive Stummfilmdiva Norma Desmond, die Jahrzehnte nach ihrem Ruhm in einer zunehmend zynischem Filmindustrie über ihr Comeback fantasiert, das nie eintreten wird. „There’s nothing else. Just us and the cameras and those wonderful people out there in the dark!“ verkündet sie, bevor sie in der berühmten Schlußszene dramatisch die Treppe hinabschreitet und, nun endgültig dem Wahnsinn verfallen, mit der Kamera und dem Publikum verschmilzt.
Was genau haben ihm seine Geister nun mitteilen wollen? Wollten sie ihn warnen oder ermutigen? Wollten sie ihn warnen oder ermutigen? Ist er noch immer auf der richtigen Spur? Oder wird er etwa wie Norma Desmond enden? „Return To Babylon“ ist bis heute sein letzter abgeschlossener Film geblieben. Immerhin taucht er damit in einigen Listen der „Most haunted movies“ auf, die Folklore überlebt. Alex ist außerdem neben Alfred Hitchcock der einzige Regisseur, der Tippi Hedren in zwei Filmen besetzen konnte. Ein Vermächtnis, das ihm keiner nehmen kann. Für die Industrie jedoch ist er bestenfalls eine Statistik, eine obskure Fußnote. Kein Produzent hat jemals wirklich Geld mit ihm verdient, eigentlich eine Todsünde in Babylon. Hier ist man nur so interessant wie das letzte Projekt und dessen Umsatz. So sind seine Kontakte im Laufe der Zeit ausgedünnt, der Kreis ist kleiner geworden. Auch die wohlmeinendsten Schauspieler und Kollegen ziehen irgendwann weiter, dorthin wo das Geld ist. In letzter Zeit hat er seine Geschichte nur noch in Podcasts von Geisterjägern und Ufologen erzählen können. Überall dort, wo er noch ein Publikum findet, „those wonderful people out there in the dark!“ Ob er tatsächlich noch einmal einen neuen Film drehen wird, egal wie klein und unabhängig produziert, kann ich nicht beurteilen. Die Welt der bewegten Bilder hat sich stark verändert. Wahrscheinlich war es noch nie so einfach wie heute, seine eigenen kreativen Ideen umzusetzen und zu veröffentlichen. Laut ist es geworden und unübersichtlich. Jeder schreit nach Aufmerksamkeit, Stars, Sternchen und Selbstdarsteller, die „Citizens“ des digitalen Zeitalters.
Nein, noch hat er seinen Traum nicht aufgegeben. In der Welt der großen Franchises und Blockbuster, die den Rest von Hollywood heute noch ernährt, hat er nie eine Rolle gespielt. Dafür herrscht er in der dunklen Unterwelt der Traumfabrik, dort wo die Geister spuken und die Geheimnisse begraben liegen. Hier wird er sie noch alle überleben. Zeit spielt hier keine Rolle, Geld erst recht nicht. Irgendwann wir er kommen, der Abschluss der Trilogie, ich sehe ihn deutlich vor mir: „The King Of Babylon“. Das große unvermeidliche Finale. Die Geschichte eines Regisseurs, der einen Stummfilm dreht und darüber den Verstand verliert, halb biographisch erzählt, halb frei hallizuniert. Vielleicht sind ja noch ein paar von den alten Filmrollen übrig. Verkörpert wird unser Held dann von einem charismatischen, möglichst noch unbekannten Schauspieler, Ende zwanzig bis Ende dreißig. Dunkle Haare sollte er haben und große ausdrucksstarke Augen. Ein hoffnungsvolles Talent, das bereit ist, an seine Grenzen zu gehen. Der offen ist für Improvisationen, eigene Ideen und Eingebungen. Die Drehorte gibt es gratis – Hollywood Boulevard, Melrose Avenue, Montgomery Street, Hinterhöfe und Friedhöfe. Surreale Szenen sind dort vorstellbar. Vielleicht wird er am Ende sogar Wasser in Wein verwandeln, am Strand, vor den abgebrannten Ruinen von Malibu. Isam Alex Monty Rudy Superstar Canawati, das visionäre Genie, der paradoxe Messias, der vielleicht letzte große Träumer dieses gelobten Landes. So eine Figur, so eine Story hat es im Kino noch nicht gegeben. Ja, ich weiß, wie das klingt. Besessenheit ist ansteckend.
Zuvor wird es allerdings einen Dokumentarfilm geben, nicht nur als Halluzination, sondern ganz konkret. Etwa zur gleichen Zeit, als ich beschloss, über Alex zu schreiben, begann Matt Riddlehoover mit der Produktion von „Monty and the Movies“, so zumindest der Arbeitstitel. Er hat dafür zahlreiche Interviews geführt, mit ehemaligen Weggefährten und Kollegen, und auch mit Alex selbst. Bisher unveröffentlichtes Material soll es zu sehen geben. Material, das mir noch nicht zur Verfügung stand. Aber das macht nichts. Jeder von uns erzählt diese Geschichte so wie er sie versteht und interpretiert. „Monty and the Movies“ befindet sich derzeit in der Post-Production, einen konkreten Veröffentlichungsdatum gibt es noch nicht. Lange kann es aber nicht mehr dauern. Es sei denn, die Aufnahmen entwickeln im Schnittraum noch ein eigenes Leben. Überraschen würde es mich nicht.
