Tausend Jahre Vintage (Die trockenen Tränen der Agneta von F.)

Kein Wort auf Englisch, seit Jahren nicht, geschweige denn ein Interview. Sie versichert mir, die Geschichten um ihre Verbitterung und ihr Versteck seien von der Presse aufgebauscht worden. Diese Lügner, diese Hunde, die sie durch die schwedischen Wälder gejagt hatten wie den alten Big Foot. Ihre Stirn war schon seit langem gerunzelt, die Super Trouper Beams hatten sie einige Male zu oft geblendet, wishing every show was the last show. Die Ehe war zerbrochen, die Flugangst wurde immer schlimmer – das war ihr transatlantisches Leben. Verachtung strahlt auch heute noch aus den traurigen Augen in ihrem bäuerlich-schönen Gesicht. Aber sie hat heute bessere, wesentlich wirksamere Medikamente. „Du glaubst, ich habe all die bittersüßen Melodien nur für Dich gesungen?“ runzelt sie mich an. Ich versuche zu lächeln. Schließlich bin ich hierher gekommen, um Frieden zu schließen. Fernab von allem. Schweben musst du, hatte ich mir gesagt, so wie du es in besonders guten Träumen vermagst. Schau nicht nach unten, widerstehe dem Verlangen, auszuspucken auf den ganzen Schmutz und Unrat, auf den schon so viele gespuckt haben und ihn dadurch nur vermehren und noch weiter nach oben wachsen lassen. Der nötige Abstand vom Boden lässt sich kaum noch in Zahlen bemessen, das schafft kein Flugzeug. Endlich angekommen auf ihrer kleinen Raumstation werde ich höflich empfangen. Sie bietet mir ein Glas Hibiskus-Tee an. Sie weiß, dass ich das erwarte, dass es genau das ist, was ich mir in meiner Naivität unter einem idealen Weltraumgetränk vorstelle. Hibiskus-Tee auf Eis. Na schön. Ich brauche mir keine Notizen machen, denn das hier wird sowieso niemand mehr lesen können.

Unter uns kreisen, jetzt kaum noch wahrnehmbar, Satelliten und Weltraumschrott. Ich hatte auf meinem Weg hierher einige unschöne Begegnungen, die mich daran erinnerten, warum ich diese Reise überhaupt auf mich nahm. Nicht, dass es unten auf der Erde, diesem schauderhaft zuckendem, plappernden blutigen Fleischklops, nicht schon genug Gründe gegeben hätte. Aber die Begegnung mit den wenigen Privilegierten, die sich bereits vor mir auf die Reise gemacht hatten, um noch bei lebendigem Leibe entkommen zu können (ja, sie massakrieren sich gegenseitig da unten, und sie filmen sich dabei), hatte mir den Rest gegeben. Ich hatte nicht geahnt, dass es mal wieder nur einen geben konnte, dass die abgschmackte Idee des „Auserwählten“ tatsächlich Realität werden könnte und ich ausnahmlos jeden beseitigen müsste, der mir in den Weg kam. Es tut mir leid, Tita von Hardenberg, ganz ehrlich, aber Gnade kann es nicht geben. Als eine der ersten war sie plötzlich vor mir aufgetaucht. Weit war sie leider nicht gekommen, nur ca. 500 Meter über dem Zentrum Europas schwebte sie als Helium-Ballon, unfähig, weiter nach oben zu steigen. Sie hatte sich selbst aufgeblasen, um der mediokren Hippness-Hölle, die sie sich in sorgloseren Zeiten geschaffen hatte, zu entfliehen. Ich stach hinein in das lange adelige Elend und zischend entwich das Helium, das sich schnell in den Wolken ausbreitete. Ein hell kichernder Kinderchor sang noch kurz „Wir sind von, wir sind von … Mutter weeß bloß nich von wem!“, bevor Tita hinab sank auf die Leichenberge ihrer eigenen Geschichte. Tausend Jahre Krieg, Inzest, Postmoderne und Selbstüberschätzung starben einen gerechten Tod. Höher, schnell höher, dachte ich, wer weiß, was hier noch alles herumschwirrt in dieser feinstaublichen Müllhalde. Dann endlich: Stille und nur noch Kälte. Radiowellen drangen an mein Ohr (die ersten Klänge von Lay All Your Love On Me) als ich durchknallte. Hallelujah, das nenne ich Geschwindigkeit!

Was passiert, wenn Deine Träume wahr werden, wenn Du endlich am Ziel bist? Sie wird es mir erzählen. Hier oben hat sich das konserviert, was Arthur Miller einst als „das Ende aller materiellen Dinge“ beschrieben hatte, als er das erste Mal durch Beverly Hills fuhr. I figured it made sense building me a fence. Wenn Du jetzt noch depressiv wirst, hast Du keine Chance mehr. Es geht nicht mehr ums Überleben, nur noch ums Leben. Dann fang mal damit an! Ich sitze in der massiven Stahlkonstruktion, die hier bereits seit langem für mich reserviert war und die futuristisch zu nennen eine Untertreibung wäre, über die selbst meine strenge Gastgeberin schmunzeln müsste. Jetzt legt sie die Spielregeln fest: „wenn Du über Nazis reden willst, dann frag die Rothaarige!“. Selbstverständlich ist die nicht hier, das weiß ich doch und das soll auch so sein. Als Arierin gezüchtet und dann doch nur als zweitberühmteste Stimme Skandinaviens in den Akten hängen geblieben … Nein, selbst Fridas Schicksal als Lebensborn-Kind konnte das wahre Drama in der ersten Reihe nicht überschatten. Wer war denn bitte sehr the girl with the golden hair? Wer hat denn das Licht der Scheinwerfer reflektiert? Ihre strahlende Blondheit stand für den Irrsinn, den sie erfuhr. Über eine Stunde lang erzählt sie: wie das ist, wenn man zerfetzt wird. Erst wollen sie dir die Haare herausreißen, dann kommt der Rest dran. Am Ende bist du die Irre, die Tragische, die Einsame, die Ziege, die übergeschnappte Greta Garbo der Zerfetztheit. Keine Tränen mehr. Die haben sie Dir auch schon abgesaugt. Warum dann der ganze Horror und dieses Interview? Weil es wirklich nur eine einzige Sache gibt, die noch schlimmer ist als die Erfüllung Deiner blöden kleinen Träume: wenn sie nicht erfüllt werden. Als wir über Australien kreisen, werden die Fenster langsam abgedunkelt, denn hier oben kann sie die Erinnerungen nach Belieben ein- und wieder ausschalten. Genug für heute. Wir haben noch alle Zeit der Welt. Sie überreicht mir eine kleine schmale Karte aus Silikon, den Schlüssel für mein Zimmer, mein Zuhause für die nächsten tausend Jahre. Mindestens.


Dieser Text ist bereits 2010 in dem von Lars Brinkmann herausgegebenen Sammelband GRIMM (Vol. 1) erschienen. Soviel ich weiß, ist das gute Stück mittlerweile vergriffen. Ich danke Lars noch nachträglich für sein Vertrauen in meine seltsame kleine Geschichte, mit der ich, so glaube ich fest und in aller Bescheidenheit, nichts weniger als eine neue literarische Gattung begründet habe. Postfaschistische Disco Science Fiction … So etwas in der Art. Nun ja.