Womit beginnen? Mit einem Gegenstand, den ich zu kennen glaube, natürlich. Und der sich eigentlich nicht beschreiben lässt. Über Musik zu schreiben ist wie über Architektur zu tanzen, so geht der alte Journalistenwitz. Auch in vordigitalen Zeiten, als die Rezensenten der Kulturmagazine noch für dieses unmögliche Vorhaben bezahlt wurden, gelang es nur selten. Die für mich besten Texte über Musik hatten diesen Widerspruch verinnerlicht. Sie verzichteten auf Katalogwissen, Genre-Beschreibungen und die üblichen Worthülsen ihrer Branche. Stattdessen arbeiteten sie mit poetischen Affirmationen, schwelgten in teils absurd subjektiven Übertreibungen, und trafen damit genau auf den Punkt. „Es friert den Kritiker im Schatten dieser Schenkung. Dankbar lehnt er sich zurück und stirbt“, so in etwa endete 1997 eine Rezension von Björks Album „Homogenic“ im Musikexpress. Und Dietmar Dath fasste in der SPEX die Wirkung von Slayers brachialem Meisterwerk „Reign in Blood“ einmal so zusammen: „Sinnloser Hass auf alles: ein GANZ wichtiger Ausgangspunkt für jeden normalen Menschen im 20. Jahrhundert.“ In beiden Fällen war damit alles gesagt.
Musik spaltet und Musik vereint. Oder um es mit Marianne Rosenberg auszudrücken: „Liebe kann so weh tun, doch sie gibt auch viel“. Womit wir direkt beim spalterischen Teil wären. Schlager spaltet. Trash Metal spaltet. Free Jazz spaltet. Björk spaltet. Überall wo es extrem wird, bilden sich Lager. Vielleicht nicht so vehement wie im Bereich politischer Ansichten, aber doch genug um scheinbar miteinander unversöhnliche Subkulturen entstehen zu lassen. Scheinbar. Denn die Kraft der Musik lässt auch kulturelle Osmosen zu. Selbst der hartgesottene Anführer eines von der Justiz argwöhnisch überwachten Motorradclubs, bis unter die Augenbrauen tätowiert und zumindest optisch den Mächten des Satans verschrieben, lässt unter gewissen Umständen, nach dem zwölften Wodka um drei Uhr morgens, schon mal alle Schranken fallen und singt die seit seiner Kindheit vertrauten Gassenhauer von Marianne, Andrea und Udo mit. Umgekehrt wird es schwieriger: dass ein vergleichbar hartgesottener Schlagerfan spontan zum Slayer-Aficionado mutiert, kommt wahrscheinlich selten vor. Schön wäre es aber. Stellen wir uns einen solchen Fan nun einmal vor. Eine Sachbearbeiterin aus der Vorstadt, Mitte Vierzig, mit etwas fragwürdiger Frisur sowie einer wachsenden Sammlung von Plüschtieren und aufmunternd bedruckten Kaffeetassen. Das sind alles ganz furchtbare Klischees, ich weiß, aber so sehen wir sie nun vor uns. Nennen wir sie Doreen. Stellen wir uns des Weiteren vor, wie sie eines schönen Feierabends nach Hause kommt und plötzlich, wie vom Blitz getroffen, feststellt, dass sich das Elend ihres Daseins nicht mehr mit dem üblichen Kitsch ihrer Playlisten übertünchen lässt. Dass Musik vielleicht noch mehr sein kann als nur ein Trostpflaster. Der Befreiungsschlag setzt ein, als sie die entscheidenden Gitarrenriffs hört. Dann Tom Arayas Urschrei. Ein Verstärker bisher unbewusster Gefühle, gleichzeitig der Antrieb für etwas Neues, Großes, Radikales. Im Ergebnis sehen wir Doreen zu den Klängen von „Angel of Death“ mit einer Kettensäge durch ihren Schrebergarten rennen und wir wissen, dass ab jetzt ganz sicher nichts mehr so sein wird wie zuvor. Sinnloser Hass auf alles: auch im 21. Jahrhundert noch sehr wichtig und mächtig.
In einem anderen denkbaren Szenarium wird Doreen über einen Flohmarkt schlendern und dort eine alte Original-Pressung von Cecil Taylors „Conquistador!“ (Blue Note, 1968) entdecken. Dieser Befreiungsschlag ist anders, abstrakter. Strukturen lösen sich auf, die Welt wird nun spürbar größer. Sie transzendiert Schmalz und Wut, Discokugel und Kettensäge. Unsere Heldin wird daraufhin die Erleuchtung finden und eine Sekte spiritueller Anarchisten in der Uckermark gründen. So wird es geschehen. „Alles ist möglich“, so steht es schließlich in großen bunten Lettern auf einer ihrer Kaffeetassen. Damit wären wir beim Jazz. Dieser hatte innerhalb nur einer Dekade, zwischen 1959 und 1969, zu seiner bis heute freiesten und innovativsten Ausdrucksform gefunden. Mit John Coltrane, Pharoah Sanders, Andrew Hill, Charles Mingus, Archie Shepp, Wayne Shorter, Cecil Taylor und wie sie alle hießen, die Visionäre am Saxophon, am Piano, am Bass und an den Trommeln. Zur gleichen Zeit etwa, als The Velvet Underground mit „Heroin“ und „European Son“ die Songstruktur von Rockmusik zerbröselten. Die 60er Jahre sind sicher schon ausreichend mystifiziert worden, aber wir würden uns doch arg belügen, wenn wir nicht anerkennen, dass alles, was danach an musikalischen Experimenten im Namen von Krach und Erleuchtung versucht wurde, sich an diesen Leuten messen lassen muss. Wirklich neue Impulse kamen nur noch durch die Entdeckung elektronischer Instrumente. Und durch Hip-Hop, der in einer seiner interessanteren Varianten wiederum auf Jazz verwies. Eric B. & Rakim, De La Soul, A Tribe Called Quest – besser wurde es danach kaum noch. 1991 begann das Album „The Low End Theory“ mit einem Bass-Sample von Art Blakey and The Jazz Messengers. „Don’t you know that things go in cycles“ rappte Q-Tip (A Tribe Called Quest) darüber. Mit „Hand On The Torch“ von Us3 war der Crossover 1993 dann perfekt und sogar Mainstream. Aus Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“ wurde „Cantaloop“ und der Kreislauf zum Prinzip erhoben. „Feel the Beat drop, Jazz and Hip-Hop“. Konsequenterweise erschien „Hand On The Torch“ dann auch auf Blue Note und machte damit deren Archive auf einen Schlag wieder hip und tanzbar. Nicht dass diese Musik je etwas anderes gewesen wäre, aber manchmal braucht der Zeitgeist eben etwas Nachhilfe bzw. einen Tritt in den Allerwertesten. Bewegung ist wichtig, mit dem Hintern wackeln oder Headbanging, egal, Rhythmus muss umgesetzt werden.
Heute steht uns der gesamte Katalog der Musikgeschichte zur Verfügung, der populären ebenso wie der eher obskuren und experimentellen. Jederzeit, am Ende unserer Fingerkuppe. Und wer zu faul ist, seine Finger zu benutzen, befragt einfach einen KI-Assistenten: Erzähl mir was über Q-Tip, über Art Blakey und The Velvet Underground. Und jetzt mach mir einen Remix daraus. Die Künstliche Intelligenz produziert längst selbst Musik, schreddert den Katalog und setzt ihn neu zusammen, in nur wenigen Sekunden. Dabei führt die Maschine eigentlich nur das fort, was die Unterhaltungsindustrie seit jeher betreibt, die Wiederverwertung ihrer Produkte in immer wieder neuen, frisch angemalten Formaten und Zusammenhängen. Mit Retortenstars, die sich maximal noch durch ihre Frisuren voneinander unterscheiden. Ja, selbst ein Talent wie Adele ist doch eigentlich nichts anderes als der dritte Aufguss von Etta James und Dusty Springfield. Wenn wir mal ganz ehrlich sind. Darüber hinaus ist sie selbstverständlich auch ein edles Vorbild an Fleiß und Virtuosität für die zahlreichen Kandidaten der Castingshows, in denen Gesang als Leistungssport zelebriert wird. Ansonsten dient der Katalog noch als Soundtrack für Retro-Serien aller Art. The sun always shines on TV, auch wenn die Bildschirme inzwischen kleiner und flacher geworden sind. Mitunter profitieren davon auch die Originale noch. So konnte sich die notorisch öffentlichkeitsscheue Kate Bush durch das per „Stranger Things“ beförderte „Running Up That Hill“-Revival unerwartet ihre Rente aufbessern. Da hat sie vor vierzig Jahren wirklich einen guten „Deal with God“ gemacht. Und die jungen Leute haben wieder neuen Stoff zum nachträllern bei „The Voice“.
Szenenwechsel. Wir sehen einen jungen Mann an der Strandpromenade von Miami Beach entlanglaufen. Verschwitzt, mit Brille und Basecap. Seine Name ist Andrew Cunanan, so viel wissen wir, und er hat neben diversen Problemen noch eine Schusswaffe im Gepäck. Wir wissen auch, was als nächstes passieren wird. Denn alles läuft auf diesen einen Moment hinaus. Er wird Gianni Versace erschießen. Als Höhepunkt der zweiten Staffel der „American Crime Story“ von 2017. Etwas mehr als eine Minute, länger dauert die Szene nicht. Sie ist nicht einmal besonders spektakulär inszeniert. Dass sie dennoch funktioniert, liegt daran, dass die Bilder mit „Vienna“ von Ultravox unterlegt wurden, dieser glorreich pathetischen New-Wave-Hymne. Hier führt die Musik Regie. Produzent Ryan Murphy, spätestens seit „Glee“ ein Meister kultureller Resteverwertung, praktiziert das in fast allen seiner Serien. Geschichtsvermittlung in der Form elaborierter Musikvideos. Nicht immer ist ihm das gelungen. Manchmal aber so gut, dass sämtliche Zweifel an der historischen Genauigkeit oder Fragen zum Kontext, Ort und Zeit sich in Luft auflösen. Wenn es passt, dann passt es. PENG!, ein Schuss, Versace sackt zusammen auf den sonnengetränkten Treppen seiner Designervilla. Die Tauben flattern, Bild und Ton formen die perfekte Symbiose: „This means nothing to me, Oh Vienna!“ So sieht es also aus. Musik spaltet, vereint, bringt uns zum tanzen und verwandelt die Welt in eine Jukebox. Es gibt nichts mehr neues unter der Sonne, auch nicht auf der dunklen Seite des Mondes. Gott ist ein DJ und ich ersaufe hier in Klischees, Hilfe! Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass sich über die Sache nicht vernünftig schreiben lässt, dann habe ich ihn hiermit hoffentlich erbracht.
Vielleicht sollte die Menschheit mal eine Pause einlegen und für die nächsten hundert Jahre das Komponieren, Samplen und Recyclen konsequent den Maschinen überlassen. Sollen sie mal machen. Milliarden an Varianten und Remixen ausspucken, bis die Speicher glühen. Oder wir ziehen gleich den Stecker. Besser noch: wir sprengen in einem Akt akustischer Selbstbestimmung alle Datencenter, die diese endlose Karaoke-Hölle speisen, in die Luft. Hundert Jahre Stille, das wäre es. Kein Gesang, kein Gegrunze, kein Geschrammel und Gefrickel mehr. Auch keine Streichkonzerte, kein Ambient, keine meditativen Walgesänge. Nicht einmal mehr Rauschen, einfach nur Stille. Weihnachten ohne Wham, Mariah Carey, Bing Crosby und Bach. Weihnachten am besten auch abschaffen. Weg damit. Ruhe. Stille Nacht, stiller Tag, nichts als Stille. Es friert den Autoren im Schatten seiner Einbildung. Dankbar lehnt er sich zurück und stirbt. Hello, darkness, my old friend.
